„Echte Nähe und Verbundenheit entstehen dort, wo wir den Mut haben, unperfekt zu sein.“
Im Gespräch mit Paarberater Andreas Zerweck, Autor des Buches „Intimität“
edition riedenburg 2025
edition riedenburg: Warum hast du dieses Buch über „Intimität“ geschrieben?
Andreas Zerweck: In meiner Arbeit als Paarberater sehe ich immer wieder, dass Paare im Alltag versinken. Arbeit, Haushalt, Kinder, Familie, Hobbys. Dazu kommen Fernsehen und Handyzeiten. Die Beziehung, die einst aufgebaut wurde, soll ganz nebenbei lebendig, interessant und erfüllend bleiben. Das funktioniert eine Zeit lang, aber irgendwann kommt die Frage: Und unsere Beziehung? Unsere Sehnsucht? Unsere Nähe? Wo sind die eigentlich hin?
Gleichzeitig weiß ich aus jahrelanger Tanz- und Körperarbeit, wie stabilisierend und entspannend Nähe und Intimität wirken können. Viele Menschen sehnen sich nach Entspannung und Verbundenheit, nach Sicherheit. Diese finden wir nicht im Handy. Wir finden Entspannung, Sicherheit und Stabilität im Menschen, der neben uns auf dem Sofa sitzt.
Wen willst du mit deinem Buch erreichen?
Paare und auch Einzelpersonen, die spüren: Nähe und Verbundenheit tun mir gut. Respektvolles Miteinander tut mir gut. Wenn wir uns nah sind, spüre ich unsere Beziehung. Ich erfahre, wie wir gemeinsam Tiefe erleben, und wie ich dadurch Tiefe erleben kann. Menschen, die sagen: Ich möchte unsere Beziehung nicht einfach laufen lassen und sehen, was passiert. Ich möchte unsere Beziehung bewusst aktiv gestalten. Dabei ist es gar nicht wichtig, um welche Art von Beziehung es sich handelt.
Was ist Intimität eigentlich?
Intimität ist für mich die Fähigkeit, in Kontakt zu bleiben mit mir selbst und mit dem anderen. Sie entsteht dort, wo ich mich zeige, ohne mich zu erklären oder zu verteidigen.
Wo Nähe nicht gemacht wird, sondern entsteht. Sexualität kann ein Ausdruck von Intimität sein, muss es aber nicht.
Kann ich mit mehr Intimität eine Beziehung kitten oder verbessern?
Ja, auf jeden Fall. Intimität ist ein Beziehungsraum, in dem Erfahrungen, Verletzungen, Missverständnisse gesehen und gehalten werden können. Das Erleben von Intimität hilft dann zu sehen: Ah, jetzt kann ich dich verstehen. Ich bin zwar nicht deiner Meinung, aber ich verstehe, warum du dich so verhältst, wie du dich verhältst. Hier kann Verletzung heilen, Verbundenheit wieder aufgebaut und Tiefe in der Beziehung erweitert werden.
Langzeitbeziehung – ist da nicht irgendwann die Luft raus bei der Intimität?
Die Luft geht meist nicht raus, weil die Beziehung lange andauert. Die Luft geht raus, weil sich das Leben der Partner verändert, das Umfeld verändert, die Beziehung aber dieselbe geblieben ist. Das Leben ist nicht statisch. Was mich vor 5 Jahren noch begeistert hat, langweilt mich heute vielleicht. Eine Beziehung bleibt dann lebendig und aufregend, wenn sie sich auch verändern darf. Dann bleibe ich spannend, und mein Partner auch. Doch Veränderung bedeutet für viele Menschen auch Unsicherheit. Dafür ist der Raum der Intimität perfekt: Hier schaffe ich Verbundenheit, hier kann ich ausdrücken, was ich fühle, was ich bin, welche Ängste, Zweifel, Hoffnungen ich habe. Damit schaffe ich einen ehrlichen, offenen Raum. Die Intimität und damit die Beziehung werden zum bereichernden Raum.
Geht Intimität auch in stressigen Zeiten?
Gerade dann! Stress ist ein Zustand, der im Kopf generiert wird. Intimität ist ein Raum, der im Körper gespürt wird. Dafür braucht es aber eine Regelmäßigkeit. Wenn ich super gestresst bin, kann ich nicht erwarten, dass ich in kurzer Zeit in einen intimen, entspannten Raum springen kann. Mit etwas Übung geht das schneller. Daher empfehle ich Paaren, den intimen Raum in guten Zeiten zu üben, damit er in schwierigen Zeiten leichter zu betreten ist.
Wie kann ich jeden Tag ein bisschen Intimität für mich und meinen Partner schaffen?
Nicht durch große Gesten, sondern durch kleine, echte Momente: ein bewusster Blick, eine ehrliche Frage, fünf Minuten ohne Handy, ein Satz, der sonst unausgesprochen bleibt. Intimität entsteht im Alltag, nicht im Urlaub.
Muss ich dein Buch auf einmal lesen oder geht das auch nach und nach?
Unbedingt nach und nach. Das Buch ist eher ein Begleiter als ein Ratgeber. Viele Leser:innen schlagen einzelne Kapitel immer wieder auf, je nach Lebensphase.
Lese ich das Buch allein oder lasse ich meinen Partner auch mitlesen?
Beides ist möglich und beides hat seinen Wert. Allein lesen kann helfen, sich selbst besser zu verstehen. Gemeinsam lesen kann Gespräche eröffnen, die sonst nicht stattfinden würden. Wichtig ist: vermittle kein „Du müsstest das mal lesen“, sondern Einladung.
Schlägst du die Tipps in deinem Buch selbst nach oder brauchst du für dich keinen Ratgeber mehr?
Doch, ich schlage sie nach. Nicht, weil ich sie vergessen habe, sondern weil Beziehung immer wieder Erinnerung braucht. Auch als Paarberater bin ich Mensch. Intimität ist kein Zustand, sondern ein Prozess.
Welche typischen Fehler machen wir, wenn es um Intimität geht?
Bei den typischen Fehlern handelt es sich um die folgenden vier Punkte:
- Wir warten auf den richtigen Moment.
- Die Angst, uns zu zeigen, lässt uns verstummen.
- Wir erwarten, verstanden zu werden, ohne zu sprechen.
- Wir gehen zu schnell in Sexualität.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Buch „Intimität“ von Andreas Zerweck ist überall im Buchhandel erhältlich. 128 Seiten Paperback. ISBN: 978-3-99082-187-9. 24,90 (D).



