Wenn um 11 Uhr der Krieg aus ist
Wenn um 11 Uhr der Krieg aus ist

Wenn der Krieg um 11 Uhr aus ist, seid ihr um 10 Uhr alle tot

Sterben und Überleben im KZ-Außenlager Obertraubling

Autorin: Heike Wolter

Erscheinungstermin: August 2011
Umfang: 76 Seiten
Format: 17 x 22 cm
Ausstattung: Paperback
ISBN: 978-3-902647-49-8

 7,90 (as of 5. April 2016, 11:19) inkl. USt.

jetzt kaufen

ISBN eBook: 978-3-902943-40-8

€ 6,99 inkl. USt. 

btn_ebook_kaufen

Im heutigen Neutraubling – bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs dem Fliegerhorst Obertraubling – befand sich zwischen Februar und April 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Etwa 600 männliche Häftlinge, die Hälfte von ihnen Juden, die meist aus den Vernichtungslagern im Osten auf sogenannte Todesmärsche geschickt worden waren, mussten hier unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Ein großer Teil von ihnen überlebte jene 58 Tage, die das Lager bestand, nicht: Die ausgezehrten und völlig entkräfteten Menschen verhungerten, erlagen den Anstrengungen der Zwangsarbeit oder wurden von der SS ermordet.

Lange war das Thema KZ in Obertraubling und Neutraubling ein Tabu. Nun hat sich ein Schulprojekt dieses dunklen Flecks in der Geschichte beider Orte angenommen.

Ehemalige Häftlinge, die noch heute in den USA leben, halfen zudem, ein umfassendes Bild des Lagers zu zeichnen. Im Fokus steht auch die schwierige Erinnerungskultur in den betroffenen Gemeinden.

 

Pressestimmen

“Die Realschule am Judenstein und das Gymnasium Neutraubling erhalten den Simon-Snopkowski-Preis. Ministerpräsident Seehofer wird die Festansprache halten. […] Der zweite Preis geht gleichberechtigt an das Staatliche Gymnasium Neutraubling und das Staatliche Gymnasium Marktbreit. Das Gymnasium Neutraubling werde mit dem Preis für seine Verdienste auf dem Gebiet der Forschung zur jüdischen Geschichte und Kultur bzw. zum Holocaust, namentlich für die fundierten Forschungen zur Kriegs- und Nachkriegsgeschichte des kaum bekannten KZ-Außenlagers Obertraubling und für die eindrucksvolle Veröffentlichung der Ergebnisse ausgezeichnet, begründet die Jury.” (Mittelbayerische Zeitung, 11. Oktober 2012)

Snopkowski-Preis geht an Schulen München – Die Gewinner des Simon-Snopkowski-Preises 2012 stehen fest. […] Zwei zweite Preise erhalten die Staatlichen Gymnasien Neutraubling und Marktbreit für die Rekonstruktion der ehemaligen Synagoge in Obernbreit und die Erforschung des KZ-Außenlagers Obertraubling.” (Süddeutsche Zeitung, 11. Oktober 2012)

Inhalt

Geleitworte … 7
Einführung von Heike Wolter … 11
Danksagung … 12
Wie alles begann … 13
Das Außenlager Obertraubling: Teil des NS-Lagersystems … 14
Ein Schulprojekt mit Überlebenden … 15
Das Konzentrationslager Flossenbürg … 17
Von der Gründung bis zur Befreiung … 18
Außenlager in und um Regensburg … 20
Das Außenlager Obertraubling … 23
Die Vorgeschichte: Der Fliegerhorst Obertraubling … 24
Entstehung und Aufbau des Außenlagers Obertraubling … 26
Häftlinge … 28
Lebensbedingungen … 29
Arbeit und Tagesablauf … 31
Hygienische Bedingungen und Krankheiten … 32
Der Todesmarsch … 33
Historische Bilddokumente … 35
Der Umgang mit der Vergangenheit … 45
Die Prozesse – Gerechtigkeit für begangenes Unrecht? … 46
Obertraubling: 1933 bis 2011 … 48
Neutraubling: Einzug der Nachkriegsgesellschaft … 51
Neutraubling: Die Nachnutzung des Lagergeländes … 53
Was übrig bleibt … Erinnerungen an das Außenlager … 54
Einblicke, Rückblicke, Ausblicke … 61
Das Schicksal nicht vergessen … 62
Nachwort … 63
Literatur und Quellen … 64
Publikationen … 64
Zeitzeugenaussagen … 66
Archivalien … 66
Sonstige Quellen … 67
Bildnachweis … 67
Zitatnachweis … 68

Wie alles begann

Als Archivpflegerin der Gemeinde Obertraubling „stolperte“ ich vor einiger Zeit über vereinzelte Informationen zu einem „Außenlager Obertraubling“. Es fand sich jedoch nichts dazu in der Ortschronik und auch auf Nachfrage blieben die Informationen spärlich. Mein Forschergeist war geweckt, das wollte ich genauer wissen. Ich beschloss, die Möglichkeiten des sogenannten Projekt-Seminars der gymnasialen Oberstufe zu nutzen, um das Thema intensiver zu beleuchten.

Im Februar 2011 saßen mir 15 Schüler mit erwartungsvollen Gesichtern und vielen guten Ideen, wie sie sich dem Projekt nähern wollten, gegenüber. Dieses kleine Buch ist das Ergebnis der monatelangen Recherchen, deren Höhepunkt sicher das Wiederfinden von Überlebenden des Außenlagers und die Gespräche mit ihnen waren.

Sollten die Ausführungen auch an mancher Stelle noch wissenschaftlich nach ersten Schritten aussehen und teils jugendlich unbefangen provokativ sein, so ist die Publikation trotzdem ein ernstzunehmender Beweis, zu welch differenzierten Erkenntnissen die Schüler gekommen sind.

Sie zeigten, dass mit Beharrlichkeit auch unter mühsamen Umständen vielfältige Informationen beschafft werden konnten und vor allem, dass diese Arbeit eine bleibende Erinnerung nicht nur für die Menschen in den Gemeinden rund um das ehemalige Gelände des Fliegerhorstes sein wird, sondern dass vor allem die Schüler viel gewonnen haben:

„Dieses P-Seminar brachte mich vom anfänglichen Interesse bis hin zur intensiven Beschäftigung mit der Thematik der Konzentrationslager in Nazi-Deutschland.“

„Ich habe verstanden, wie wichtig es ist, Schreckliches nicht zu akzeptieren und nicht wegzuschauen. Die Verantwortung für das, was um uns herum geschieht, liegt allein bei uns.“

„Es war sehr beeindruckend und bewegend, mit zwei Zeitzeugen sprechen zu können. Diese Gespräche haben mir auch gezeigt, dass es so viel Unrecht auf der Welt (auch heute noch) gibt.“

„Man kann es manchmal nicht glauben, dass es diese Zeit wirklich gegeben hat.“

„Mir ist in diesem Seminar auch noch einmal richtig bewusst geworden, dass wir alle direkt betroffen sind. Es gab nicht nur Lager in Dachau oder anderswo weit weg von uns, sondern auch in unserer direkten Umgebung. Wenn wir mitten in Neutraubling sind, stehen wir auf einem Fleck Erde, auf dem noch vor ein paar Jahren Gewalt und Mord an der Tagesordnung waren.“

„Durch das P-Seminar ist mir die Geschichte meiner Heimat klarer geworden, denn im Geschichtsunterricht erfährt man meist nur über den Nationalsozialismus insgesamt. Es wird einem nicht klar, dass sich auch dort, wo man nun lebt, so etwas abgespielt hat.“

„Das Beste am Seminar war, dass wir noch die einzigartige Möglichkeit hatten, mit Überlebenden zu sprechen. Das war ein wertvolles Erlebnis fürs ganze Leben und darauf bin ich sehr stolz.“

„Das P-Seminar hat mir gezeigt, wie schlimm die Zustände in den KZs waren und wie sich die Gefangenen gefühlt haben müssen.“

„Ich denke jetzt mehr über die Geschichte meines Ortes nach, und über die Geschichten, die damit verbunden sind.“

„Es ist erstaunlich, wie und in welcher Dimension diese Verbrechen Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf das ganze Leben der Häftlinge hatten.“

„Überraschend war, dass alle befragten Überlebenden Obertraubling als das schlimmste Lager, in dem sie waren, bezeichneten. Außerdem fällt auf, wie viele Leute, gerade Zeitzeugen, immer noch verdrängen, was damals geschah. Und genau das sollte verhindert werden.“

„Gerade anhand einzelner Personen und Schicksale wird erst das Ausmaß des NS-Terrors erkennbar.“

Textauszug

Die Situation der Häftlinge des KZ-Außenlagers muss im Februar 1945 schrecklich gewesen sein. Sie waren in einem zweistöckigen Rohbau, der ein Offizierscasino werden sollte – einem Gebäude ohne Dach, Fenster und Türen -, untergebracht. Kälte und Krankheit, Hunger und Verzweiflung in einer Form, die unvorstellbar ist – all das war alltäglich. Über die Ankunft im Lager wird beispielsweise berichtet: „Wir wurden in einem Riesenraum untergebracht, in dem weder Fußboden und Dach gewesen war, keine Fensterrahmen in den Wänden und kein Ofen. Wir hatten weder Pritschen noch Betten noch Platz dafür. Wir übernachteten stehend – aneinandergepfercht. Die ersten Tage bekamen wir überhaupt keine Verpflegung, der Lagerführer erklärte wiederholte Male: ‚Sie sollen verrecken, es gibt kein Essen ohne Arbeit.‘ Doch die erste Zeit wurden wir gar nicht zur sogenannten Arbeit geführt. Wir hatten in den ersten Tagen überhaupt kein Wasser. Wir tranken aufgetauten Schnee. Erst nach etwa 10 Tagen wurde eine Küche errichtet, bis dahin bekamen wir, nach Ablauf einiger Tage, etwas zum Essen von außen.“

Die Lagerverhältnisse waren äußerst schlecht. Es gab keinen ausreichenden Schutz vor der kalten Witterung, da die Behausung notdürftig und primitiv war. Diese Umstände führten dazu, dass eine große Zahl von Gefangenen erkrankte. Zwar wird ein gewisser Herr Rot als Häftlingsarzt geführt, diesem standen jedoch weder Krankenrevier noch Medikamente zur Verfügung. Von Überlebenden wird seine Existenz nicht einmal bestätigt. Moishe Mantelmacher berichtet: „Es gab keinen Krankenbau! Es gab keinen Doktor! Es gab rein gar nichts. Man ging dorthin, um zu sterben.“

Aufgrund dieser Umstände starben allein etwa 250 Häftlinge an Fleckfieber, Lungentuberkulose oder an der Ruhr, die in einem epidemischen Ausmaß grassierte. Bereits 41 Tage nach der Öffnung des Außenlagers waren von den anfangs etwa 600 Lager­insassen nur noch 484 übrig. Trotzdem war das Außenlager hoffnungslos überfüllt. Aufgrund der unfassbaren äußeren Bedingungen wurden ständig aus mehreren Häftlingen bestehende Bestattungskommandos gebildet. Die Verhältnisse – sofern das überhaupt noch möglich war – verschlechterten sich im Laufe der Lagerexistenz noch dramatisch.

Cornelius Schwanner, Kommandoführer des KZ-Außenlagers Obertraubling, bezeugte in seiner Anhörung selbst, dass die Verpflegungsmenge für die Häftlinge unter der Vorschrift lag. Es war seine Aufgabe, sich darum zu kümmern, er hatte jedoch weder Möglichkeiten noch das geringste Interesse daran.

Schwanner war unter den Gefangenen für seine Ungerechtigkeit bekannt. Er ließ sich Tötungen in mehreren Fällen zu Schulden kommen, die ihm im Prozess nachgewiesen werden konnten. Drei Gefangene wurden beispielsweise wegen eines nicht erinnerlichen Versehens im Lager erschossen. Ein anderer wurde mit einer Pistole erschlagen. Schwanner gestand die Tat. Er wurde nach dem Krieg im Dachauer Flossenbürg-Prozess zum Tode verurteilt und am 15. Oktober 1948 in Landsberg am Lech hingerichtet. Dem Bericht zufolge war Schwanner sich keiner Schuld bewusst.

Heike Wolter

Dr. phil. Heike Wolter, geboren 1976, studierte Germanistik, Geschichte, Sozialkunde und Ethik.Heike Wolter, Autorin bei edition riedenburg

Sie ist beruflich Historikerin, Universitätsdozentin, Autorin  und  Lektorin. Gemeinsam mit 10 engagierten SchülerInnen des Gymnasiums Neutraubling (P-Seminar Geschichte) folgte sie den Spuren der Geschichte in die historischen Winkel und Ecken von Regensburg.

Heike Wolters Themen, mit denen Sie sich beruflich beschäftige, umfassen - völlig ungeordnet - beispielsweise deutsch-jüdische Geschichte, Tourismusgeschichte, Geschichte von Räumen und DDR-Geschichte; Familie, Schwangerschaft und Geburt; Verlust und Trauer.

www.heikewolter.de

 

Bücher von Wolter Heike

 

Wenn der Krieg um 11 Uhr aus ist Leseprobe

Sterben und Überleben im KZ-Außenlager Obertraubling, Autorin: Heike Wolter